Reif für die Insel
Dezember 2009
Inselimpressionen
‚Guten Freunden gibt man ein Küsschen‘ oder man fährt mit ihnen nach Sylt (wenn gerade keine Ferrero Pralinen zur Hand sind). Eben so schnell wie der Plan steht die Zusage. Mit lieb gewonnenen ehemaligen Arbeitskollegen geht es für drei Tage nach Sylt. Tagsüber bei Strandspaziergängen den Wind um die Nase wehen lassen und abends bei Vino Rosso gemütlich schnacken, verspricht eine kurze Auszeit vom Alltag. Es ist Mitte Dezember und nichts spricht dagegen mit dem Moped anzureisen. Ich plane den dritten Tag für mich zu reservieren und die Insel auf zwei Rädern zu erkunden.
Die kleine Reise beginnt nicht mit dem ersten Schritt, sondern mit kalten Fingern. Beim morgendlichen Start ist es dunkel und fies feuchtkalt. Hinter Rendsburg wird mir endgültig klar, dass die Winterhandschuhe zu Hause im Schrank liegen. Bei den kurzen Alltagsstrecken reichen mir die regenfesten normalen Handschuhe. Sie bieten zudem das bessere Griffgefühl. Auf den 135 Kilometern in Richtung Sylt vermisse ich meine Yetihandschuhe allerdings ausdrücklich.
Kalter Start
Die Mopedverzurrung auf dem DB Sylt Shuttle in Niebüll ist vorbildlich. Die Gurte besitzen zur Schonung der Mopeds eine extra Lederauflage. Bei der Fahrt über den Hindenburgdamm lässt sich sogar die Sonne blicken. Es ist Niedrigwasser und die riffeligen Wattflächen aus Wasser und Sand erzeugen ein interessantes Spiel aus Licht und Schatten. Irgendwie ist es ein interessantes Gefühl, sich einer Insel über einen Damm zu nähern. Man könnte es annehmen, aber das ‚Inselgefühl‘ leidet nicht darunter.
Gut verzurrt
Die beiden Fußgängertage mit den Freunden auf der Insel sind des trotz des Nieselregens von Frischluftaktivitäten geprägt. Gute Gespräche finde ihre Fortsetzung am Abend.

Viel Strand

Viel Wasser I Viel Wasser II

Und wo geht es zum Lederstrand ?

Viel Leuchtturm
Das Leben auf den nordfriesischen Inseln war wohl schon immer ein hartes und entbehrungsreiches Dasein. Wind und Wetter trotzend, ducken sich auch heute noch Häuschen mit seltsamen ‚Strohdächern‘ in die Landschaft. Bei dem kargen Inselleben können sich die Menschen nur kleine flache Autos mit lediglich zwei Türen leisten. Und zum Feiern ziehen sie sich in Bretterbuden an den Strand zurück. Zwei kreuzende Säbel zeugen möglicherweise von der Zeit, als man sich mit Strandräuberei das Einkommen aufbesserte.
Viel Klamotten und Strandräuber
Als reine Strandräuberei könnte man auch die gegenwärtigen Gastronomiepreise betrachten. Da stellt sich die Frage, wo welcher Anteil der knapp vier Euronen für einen Glühwein wohl hängen bleibt. Bei der Bedienung mit stark russischem Akzent wahrscheinlich nicht unbedingt…
Aber fairerweise muss gesagt werden, dass man einfach die Augen aufhalten muss, wo man sich niederlässt. Dass Gutes selbst auf Sylt nicht zwangsläufig teuer sein muss, zeigt der strandnahe Gosch Nobelimbiss in Wenningstedt. Das Zanderfilet mit Bratkartoffeln und Beilagen für 13,50 Euro ist jedenfalls über jeden Zweifel erhaben.

Viel Fischbrötchen - Zu dem Fisch würde ich gerne das Brötchen sehen...

Viel Tonnenhalle, List

Viel Bank - Aber nicht für Touristen, am Hafen von List
Fast merkwürdig auffällig sind Ortsbezeichnungen in friesischer Sprache, zum Beispiel an Bahnhöfen. Kleine Hinweistafeln klären den kulturell Interessierten über das Wesen der nordfriesischen Sprache auf. Es handelt sich in der Tat nicht um einen Dialekt, sondern um eine von drei friesischen Sprachen. Sprachhistorisch gibt es eine enge Verwandtschaft mit dem Altenglischen. Immerhin trinken die Friesen ja auch schwarzen Tee mit Sahne. Auf den Inseln und dem Festland kennt das Nordfriesische kennt neun Dialekte, die teilweise untereinander kaum verständlich sind.
Auf mich wirkt das wie ein kaum beachteter Versuch, kulturelle Identität zu zeigen, inmitten einer Schickimicki-Touri-Gesellschaft, die von der kraftvollen Wirkung der großen internationalen Mode- und Luxus-Label geprägt ist. Aber das ist eben auch Teil, der Sylt ausmacht.
Viel Einsamkeit

Viel Landschaft
Bei der Inselerkundung per Moped gefällt mir besonders der Norden mit seiner einsamen und weitläufigen Dünenlandschaft. Richtig nordfriesisch wird es auf der Rückfahrt. Nordfriesland ist dort, wo selbst die Schafe meterlange Schatten werfen, Dörfer ‚Schnatebüll‘ und Dorfgasthöfe ‚Zum Deichgrafen‘ heißen. Wo versickernder Regen bereits auf den ersten Zentimetern mit dem anstehenden Grundwasser ringt und die Bäume vor dem Westwind nach Osten ausweichen.
Mit der Sonne sinken auch die Temperaturen. Drei Grad Celsius lassen die Finger frieren, aber die glutroten Licht strahlen der untergehenden Sonne in den Rückspiegeln erwärmen das Gemüt.
Das ist meine Gegend…
(Mehr Fotos gibt es im Fotoalbum)