40 Jahre Moto Guzzi Club Schweden
August 2010

Der Winter, dieser unglaubliche Winter war wirklich lang. Die Griso ist seitdem zwar über zehntausend Kilometer gelaufen, aber das waren überwiegend Alltagsstrecken. Das Frühjahr war dann durch Umzugsaktivitäten geprägt und direkt im Anschluss (die Fähre war gebucht, bevor der Umzug im Raum stand) ging es mit der fleißigen Honda-Biene auf Island-Tour.
Nicht genug, dass die Griso-Genuss-Fahrten somit eh schon zu kurz gekommen sind, da lässt sich ihr Eigner auch noch dazu verleiten, fremde Mopeds auszuprobieren. Falsch eingebauter V-Twin oder zu flach eingebauter Boxer-Twin sind für sich genommen ok, können aber letztendlich nicht mit der Bella konkurrieren.
Vor allem beim Aufbereiten des Bayern-Boxer-Berichtes wird mir das mehr als deutlich. Wie ich so die Fotos der beiden ungleichen Schwestern gegenüberstelle, verliebe ich mich quasi neu in meine Griso. Zweifellos haben die BMW-Macher eine Leidenschaft für die Präzision. Leidenschaftliches Design formen aber erst die Italiener zu einem faszinierenden Ganzen.
Da kann ich ja direkt froh sein, dass mir meine Bella das Fremdgehen nicht übel genommen hat. Wenn das nicht der richtige Zeitpunkt für eine intensive Versöhnungstour ist ? Urlaub gibt es aber blöderweise nicht vor Ende September. Frustriert blättere ich durch Felix Hasselbrinks „motalia“, DEM Magazin für Freunde italienischer Motorräder. Ein umfassenderer Italo-Veranstaltungskalender als in der „motalia“ ist mir nicht bekannt.
Und schnell habe ich „meine Einladung“ gefunden. Am letzten Augustwochenende feiert der schwedische Guzzi Club in der Nähe von Stockholm sein vierzigjähriges Bestehen. Das ist doch ein würdiger Rahmen für eine Versöhnung, denke ich mir. Den Freitag vor und den Montag nach dem Wochenende sollte ich mich in der Firma abseilen können. Was bleibt sind mindestens tausend Kilometer für Hin- und Rückweg. Über zweitausend Kilometer für eine Wochenendparty. Welch herrliche Unvernunft, genau das Richtige für eine Versöhnungstour. Und an Intensität dürfte es vermutlich nicht mangeln.
Via Internet ist die Anmeldung rasch erledigt und schon flattert die Bestätigung ins Postfach…
Hej Andreas!
Du får detta mail pga att du anmält dig klubbens 40års-jubileum alternativt prenumererar på klubbens nyhetsbrev..
Snart stundar jubileumsfesten!
Bästa Guzzivänner!
Vi har den stora glädjen att duka upp till klubbens hittills mest storslagna fest för att fira att vi varit i sadeln sedan 1970. Konstigt nog är vi alla fortfarande lika unga och snygga, både hojar och ryttare...
Anreise
Na das hört sich doch gut an…. Wenig später ist der Donnerstag vor der Party erreicht. Das bisschen Wochenend-Campinggepäck wird morgens auf die Griso geschnallt und ich erwische mich bei dem Gedanken, wie fantastisch es wäre, auch auf längeren Touren mit so wenig Geraffel auszukommen. Ich werde mal darüber sinnieren. Ein paar Stunden arbeiten und dann „let’s go north“. Genau genommen geht es zunächst nach Osten, da meine Route von Kiel aus über Fehmarn in Richtung Kobenhavn führt. Der erste halbe Tag ist eine reine Verbindungsetappe, um für den folgenden Tag in eine möglichst günstige Startposition zu kommen. Immerhin erreiche ich abends Markaryd, knapp 100 km nordöstlich der Fährverbindung Helsingör-Helsingborg, und bin zufrieden.
Vorbildliche Einrichtung auf der Fähre Puttgarden - Rödby
Am Folgetag liegt der Alltag bereits weit hinter mir. Gefühlt bin ich wieder richtig auf Reisen und selbst der kalte (7°C) und regnerische Morgen vermag die Stimmung nicht zu trüben. Zum Glück habe ich mich vor Tour für die Halvarssons Textilkombi anstatt der Lederpelle entschieden und somit bleibt jegliches noch so nasses Wetter draußen.
Schon etliche Male an Jönköping vorbeigefahren, nehme ich mir nun etwas Zeit für den durchaus reizvollen Ort. Überhaupt verlasse ich nun bekannte Pfade und fahre über Straßen, denen ich noch nie gefolgt bin, westlich am Vätternsee vorbei. Ich liebe die geschwungenen schwedischen Landstraßen. Herrliches Cruisen durch die nordische Landschaft. In einem langen Bogen nördlich um den Mälarensee erreiche ich nachmittags Björknäs (40 km nordöstlich von Stockholm), den Ort des Guzzi-Club Jubiläums
"Sie haben ihr Ziel erreicht"

Einige Guzzisti sind bereits eingetrudelt und laufend stoßen Neuankömmlinge dazu. Eine echte Überraschung ist Giorgio von der Islandfähre (!). Es ist ein wirklich herzliches Wiedersehen.
Giorgio (Mitte) aus der Schweiz

Planung für 2012
www.g-raids.org
Giorgio ist im letzten Jahr mit der dieser Guzzi auf nicht üblicher Route zum Nordkap gefahren und hat über diese Reise einen kleinen Bildband veröffentlicht. Er hat wirklich ein gutes Auge zum Fotografieren. Ich muß ehrlich sagen, wenn Guzzi so eine leichte Enduro aktuell im Programm hätte, wäre sie eine ernsthafte Konkurrenz für meine Hondabiene. Die 650 oder 750 ccm reichen für den Zweck völlig aus und alleine dieser serienmäßige 32 (in Worten : zweiundreißig) Liter Tank ist ein Traum. Außerdem ist es sehr zweckmäßig keine unnützen Plastikverkleidungen um den Motor herum zu haben, die selbst einen Zündkerzenwechsel zum Großprojekt werden lassen.
Giorgio's Gelände Guzzi
Diese nahezu familiäre Gemeinschaft ist mit Sicherheit ein Stück Guzzi-Identität. Guzzi wäre wohl irgendwie nicht mehr Guzzi, wenn pro Jahr zwei-, dreihunderttausend Mandello Adler zum Fliegen gebracht würden.
Guzzis
In Schweden sind etwa 2.000 Guzzis zugelassen. Der schwedische Guzzi-Club hat immerhin 600 Mitglieder. Bemerkenswert finde ich, dass der Club bereits 1970 gegründet wurde. Da waren die Schweden damals richtig früh dran.
Guzziparade
Die Moped- und Teilebeschaffung erforderte bisher echten Enthusiasmus. Nachdem der letzte Händler Pleite gegangen ist, scheint sich aktuell die Situation zum Besseren zu wenden, da der Vertrieb über die Piaggio-Logistik erfolgen soll.

Liebhaberstücke wie dieses Gespann sind in Schweden seltener zu finden als in Deutschland
Abnahme
Insgesamt ist es wahrscheinlich diesen Umständen geschuldet, dass das Treffen mopedtechnisch nicht unbedingt mit den deutschen Treffen mithalten kann. Hochwertige alte Schätzchen und Individualumbauten erfordern eben in Skandinavien einen viel höheren Einsatz.
Selbst die Koffer fügen sich ins Design
Besonders stark verbreitet ist die California Baureihe, was angesichts der zum Cruisen einladenden Straßen nicht verwunderlich ist. Schweden ein Land mit wirklich langen Strecken. Die Tourer Breva und Norge sind ebenfalls zu finden.
Zeitgemäßer (naked) Tourer
Etliche Quotas (Guzzis alte Großreiseenduro) sind auch dabei, fast eine logische Konsequenz der zahlreichen Schotterstraßen in Schweden. Die einzige Griso kommt aus Deutschland.
Quota in bestem Zustand
Quota Revier-Schottterpiste
Teilnehmer
Wesentlich bunter als die Maschinen gestalten sich die Fahrer. Selbstverständlich rekrutiert sich der größte Teil der 160 Teilnehmer aus Schweden. Die Dänen stellen das größte ausländische Kontingent neben Norwegern, (trinkfesten) Finnen, einem Schweizer und einem jungen Italiener oder italienisch sprechendem Schweizer, derzeit mit seiner Quota auf dem Weg vom Nordkap nach Hause.


Buntes Teilnehmerfeld
www.guzzivalais.com
Eine Handvoll Teilnehmer stammt aus Deutschland. Wobei das für zwei wortwörtlich zu nehmen ist. Anja ist vor zwei Jahren ihrer Liebe nach Schweden gefolgt und ein Guzzi-Enthusiast ist vor zehn Jahren mit seiner Familie ausgewandert und hat seit dem erst ein Fischereihafenrennen verpasst.
Fachsimpeleien werden betrieben und Reiseerfahrungen ausgetauscht. Aber die Gespräche drehen sich auch um das Leben in Schweden und in den anderen Ländern. So hat Schweden Anfang der Neunziger Jahre eine schwerere Wirtschaftskrise erlebt, als sie derzeit im restlichen Europa zu finden ist. Schwedische Wirtschaftsexperten werden heute von europäischen Politikern um Rat in Sachen Krisenmanagement gefragt. Aber befolgen mag man die Ratschläge offensichtlich doch nicht in voller Konsequenz. In Schweden hat man zum Beispiel das großzügige Finanzgebaren der Kommunen u.a. dadurch in den Griff bekommen, dass Kommunen, die ihren Haushalt überziehen unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Diese Schmach der zur Schaustellung eigener Inkompetenz versuchen die Kommunen natürlich zu vermeiden. Da werden dann auch schon mal vor den Sommerferien die Lehrer entlassen, um sie nach den Ferien wieder einzustellen. Das stelle man sich mal in Deutschland vor…
Gerade auch diese Gespräche reizen mich an den Treffen. jenseiits der eigenen Landesgrenzen. Sie eröffnen einen intensiveren Blick auf Land, Leute und Gesellschaft als sonst die "Touristenbrille" bietet.
Sozialstaat Ade ? Rentner beim Nebenerwerb ?
Die "Sorgen" der schwedischen Yuppies
Programm
Das Hauptprogramm findet am Samstag statt. Die Teilnehmer können sich zwischen drei verschiedenen geführten Ausfahrten entscheiden oder genießen einfach einen sonnigen easy going Tag am Mälaren.

Sigtuna am Mälaren See

Im Laufe des Nachmittages trudeln alle wieder ins Basislager ein und positionieren ihre Maschinen auf einem zentralen Platz und schon beginnen die Benzingespräche.
Nach dem Barbecue folgt der von manchem hoffnungsvoll erwartete Höhepunkt. Die Verlosung einer nagelneuen V7 Café Classic.
Wer würde da NEIN sagen ?
Aber irgendwie gerät die ganz Geschichte zum Flopp und die V7 bleibt im Eigentum des Clubs Das Verfahren wird von den Loskäufern nicht gerade gelobt. Schade, das wäre ein würdiger Höhepunkt des Abends gewesen. Da sage mal einer wir Deutschen wären kompliziert. Offenbar wurden irgendwie nicht alle Lose verkauft. Für die Lotterie zugelassen waren zudem nur Mitglieder, was durchaus verständlich ist. Einige findige Dänen sind da extra vor dem Meeting noch dem schwedischen Club beigetreten. Aber letztendlich bleibt die Maschine ja eh beim Club. Für die nächste Clubveranstaltung will man ein neues Verfahren austüfteln.
Allerhand Ehrungen, unteren anderen auch die des Gründungsmitgliedes (Dritter von rechts). Offenbar hält Guzzifahren jung. (Vielleicht muß man aber auch einfach nur öfter mit nem offenen Helm fahren, damit sich die Falten glattziehen)

Live Band Und Tanz op de Deel
Unabhängig davon wird die anschließende Feier in jedem Fall ein voller Erfolg. Eine Live Band spielt auf und die Grauhaarigen hotten ordentlich rockig ab. Es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend.
Rückreise
Der Sonntagmorgen verwöhnt mit Sonnenschein und einem heißen Kaffee zum Frühstück. Man schnackt noch hier und da und verabschiedet sich von neu gewonnenen Bekanntschaften. Sich von Süden ankündigende regenschwangere Wolken drängen dann aber doch zum Aufbruch.
Angesichts des Sonntags gelange ich zügig durch den Großraum Stockholm in Richtung Norrköping. Die Regenfront ist mittlerweile durchfahren und ich pilotiere die Griso der Küstenlinie folgend über Landstraßen, die immer wieder einen Blick auf die Schären zulassen und durch zum Teil wirklich pittoreske Orte führen, in denen das Leben sehr ruhig abzulaufen scheint.
Västervik
Auch Västervik... 
...immer noch Västervik
Nicht mehr Västervik 
Pataholm an der Südostküste
Fast wie Bullerbü 
Nicht nur für Flaschenpost
Voller Genuss sauge ich die sonnige Landschaft der Ostküste auf. Das Nachtlager schlage ich in der wunderschönen Schärenstadt Karlskrona, mit Blick auf die Schären, auf. Karlskrona rückte in den Achtzigern ins Weltgeschehen, als die schwedischen Küstenjäger russische U-Boote erspähten.
Karlskrona
Den Sonnenuntergang genieße ich bei einem geretteten Fläschen Guzzi Birra. Die Schweden hatten anläßlich ihrer Feier Bier aus Tschechien und Vino Rosso aus Mandello mit einem Jubiläumslabel versehen lassen. Der Zeichnung im Hintergrund ist an Leonardo da Vinci angelehnt und zeigt eine Griso...smile.

Mit ungeheurem Wetterglück setze ich am Montag die Rückreise fort und erfreue mich an der Landschaft der Südküste. In der „Wallander-Stadt“ Ystad lege ich eine letzte Pause auf schwedischem Boden ein. Östlich von Trelleborg ist der Spaß dann vorbei. Die Straßen verkommen zu nüchternen Verkehrswegen, die einfach viel Fahrzeugmasse zu bewältigen haben. Es ist bereits früher Nachmittag und es sind noch ein paar hundert unspektakuläre Kilometer bis nach Hause.
Einzig die Brückenquerungen sind noch echte Highlights. Die Öresundbrücke bei Malmö vermittelt mir ein etwas befremdliches Gefühl. Den Scheitelpunkt passierend erblicke ich auf der anderen Seite des Sundes die Skyline von Kobenhavn. Und davor eben den Öresund, also nichts als Wasser. Unberuhigenderweise scheint die Abfahrtsrampe regelrecht vom Sund verschluckt zu werden. Na ja, es handelt sich eben um eine Brücken-Tunnel-Kombination.
Die Storebelt-Brücke ist bauwerkstechnisch ein ganz anderes Kaliber. Ein wirklich imposantes Stück Ingenieurskunst. Bei 7 Windstärken aus Nordost merkt man als Mopedfahrer erst recht, wie weit man sich vom Boden entfernt hat.
Der Rest sind sich zäh ziehende Autobahnkilometer. Aber nicht der ganze Rest ! Ab Flensburg folge ich der B199 südwärts und denke mir – Jepp, Schleswig-Holstein ist eigentlich auch ganz schön schön. Mit der untergehenden Sonne erreiche ich mein Zuhause und halte nach 2.300 km, auf denen der Motor kaum eine Chance zum Abkühlen hatte, meine Griso an. Ich stelle den Motor ab, klappe den Seitenständer aus, verweile im Sattel und betrachte verträumt wie die Sonne allmählich versinkt. Nichts ist zu hören außer das thermische Knistern des Motors. Es ist ein zufriedenes, versöhnliches Flüstern meiner Bella.
Wer will eigentlich festlegen was Unvernunft ist ?
Nachtrag
Wenn ich mal keine Lust mehr auf Zelten haben sollte, lasse ich einfach meinen alten Saab umbauen....