Güster-Treffen 2011
08/2011

Badeinsel !!! – schießt es mir plötzlich während der Arbeit am Freitag durch den Kopf. Na klar eine Badeinsel mit Strand, gelegen in einem ehemaligen Kiesabbaugebiet. Das ist das Ziel für das Wochenende. Der Wetterbericht prognostiziert für den Abend schwere Gewitter mit Sturmböen und Starkregen. Direkt nach der Arbeit soll es losgehen und meine Sandheringe sind natürlich zu Hause. Entfernungs- und vor allem richtungsmäßig macht es überhaupt keinen Sinn noch zu Hause vorbei zufahren. Zum Glück liegt der Kieler Ausrüstungsladen meines Vertrauens in der Nähe.

Es geht zum 5. Güster-Treffen für italienische Motorräder in der Blauen Lagune, einer Camping- und Badeanlage, östlich von Hamburg und südlich von Lübeck. Ein Italo-Treffen von dem ich nur Gutes vernommen habe und das zudem ausnahmsweise mal nicht ganz so weit von meinem Wohnort entfernt liegt. In den letzten Jahren kollidierte der Termin stets mit anderen Plänen. Aber nachdem ich in diesem Winter in der motalia Ausgabe (Nr 221) den Bericht von Arno Kuschow über die Gründungsgeschichte gelesen habe, stand der Entschluss fest. Dieses Jahr soll es klappen.
Mit den richtigen Sandankern ausgestattet geht es bei 29 (in Worten neunundzwanzig) Grad Celsius auf zur Lagune. Der beißende Geruch frisch gedüngter Felder macht die Luft schwer ertragbar und am Horizont lauern bereits Blitz und Donner. Eigentlich eine Atmosphäre wie auf der Arbeit, geht es mir durch den Kopf und ich muss innerlich grinsen.
Immerhin habe ich gegenwärtig das Privileg, Fahrtwind gekühlt auf dem Motorrad zu sitzen. Eine der wenigen Möglichkeiten die schwüle Hitze überhaupt ertragen zu können.
Ratzeburg
Ich genieße diese Tatsache und cruise durch das südöstliche Schleswig-Holstein. Da ich nicht regelmäßig zu Treffen fahre, nutze ich die Chance die am Weg liegenden Regionen und die Gegenden um den Ort eines Treffens ausgiebig zu erkunden.

Somit trudele ich zum frühen Abend an der Blauen Lagune ein. Verblüfft stelle ich fest, dass es sich wirklich um eine kleine lagunenartige Perle im Binnenland handelt.

Etliche Teilnehmer sind bereits eingetroffen. In der Ferne kündigen kernig bollernde Motoren im Laufe des Abends immer wieder Neuankömmlinge an.


Beim Zeltaufbau auf der Sand-Badeinsel bin ich wirklich froh, noch diese Heringe besorgt zu haben, auch wenn ich nun zu Hause ein paar mehr davon habe. Sie können sich damit zu den Trangia-Kocher-Griffen gesellen. Dies ist mein beliebtester Vergess-Gegenstand. Da ich unterwegs bereits des öfteren Griffe nachgekauft habe, könnte man glauben, ich sammele diese Teile.
Nach dem Wechsel zu luftiger Freizeitkleidung geht es an die Beach-Bar, die hier ihrer Bezeichnung alle Ehre macht. Als Erfrischungsgetränk dient ein wohlschmeckendes Produkt der in der Region gelegenen Vielanker-Brauerei.

www.doc-jensen.de
Offen und unkompliziert findet man zusammen und stellt fest, dass man in der Italo-Szene irgendwie immer gemeinsame Bekannte hat, manchmal sogar über die Landesgrenzen hinaus. Diese großfamiliäre Atmosphäre erstaunt mich jedes Mal und macht ein Stück weit auch die Italo-Szene aus. Wahrscheinlich ist dies, schon rein von den (weitaus größeren) Produktionszahlen her betrachtet, bei anderen Marken gar nicht möglich.

An den beiden Abenden schnackt man, zieht zusammen durch den Fahrzeugpark und redet jede Menge Benzin. Gerade die älteren Modelle bieten fantastische Individualisierungsmöglichkeiten. Und ich bewundere, was manche Schrauberkünstler zu Stande bringen. Aber auch manch Kurioses ist zu finden und das gehört irgendwie auch dazu. In letzter Zeit gesellen sich auch zunehmend neuere Guzzis in den Parc Ferme von Treffen. Man sieht V7-, Griso- und Norge-Modelle. Angeführt wird die Liste aber ganz klar von der Reiseenduro Stelvio. Scheinbar hat das Guzzi-Management diesbezüglich eine goldrichtige Entscheidung getroffen, von dem kleinen 18 Liter Tank der ersten Baureihe mal abgesehen.

Bemerkenswert verwunderlich finde ich jedoch die Erkenntnis, dass die Guzzi-Manager offenbar eher die Leidensfähigkeit der Kunden ausloten, anstatt die technischen Möglichkeiten einer hohen Fertigungsqualität. Meine Griso scheint (dreimal auf Holz klopf) schon fast eine Ausnahme an Zuverlässigkeit zu sein. Was man so von Guzzi-Neueinsteigern zu hören bekommt, ist zum Teil wirklich ungeheuerlich. Gerade die Umsteiger sollten die Guzzi-Entwickler besonders umsorgen, denn es handelt sich durchaus um erfahrene Piloten, die schon manches ihrer Vorgängermopeds in sechsstellige Kilometerregionen gefahren haben, ohne nennenswerte technische Probleme. Und zudem bewegen wir uns ja auch nicht gerade in einem Billig-Marktsegment.

Moto Uzzi
Ich meine es ist ja nicht so, dass wir Guzzisti nicht auch andere Themen hätten als nässeempfindliche magic mystery Elektronik und fehlerhafte Basisfunktionen. Ganz im Gegenteil. Gerade auf den Italotreffen genieße ich persönlich stets die Gespräche mit angenehmen Leuten rund um die Welt und ums Leben.
Dazu bietet die Blaue Lagune hervorragende Möglichkeiten. Es gibt verschiedene Ecken, um gemütlich zusammenzusitzen und die Gastronomie der Lagune zu nutzen. Das Essen ist gut, das Bier lecker und die Preise sind meines Erachtens ok. Alles ist wunderbar zwanglos, unkompliziert und die Teilnehmer sind völlig entspannt. Eine klasse Atmosphäre für so ein Treffen. Grob überschlage ich rund sechzig Motorräder. Sicherlich ist die Zurückhaltung manch potentieller Teilnehmer dem Wetter geschuldet. Aber ich finde man sollte kräftig die Werbetrommel rühren. Die Veranstaltung verträgt sicher locker die doppelte Teilnehmerzahl. Und vielleicht ist diese auch notwendig, damit es noch gemütlicher wird, ansonsten zerstreuen sich in der großzügigen Anlage die Teilnehmer zu sehr.
In der ersten Nacht ziehen tatsächlich schwere Unwetter über Norddeutschland hinweg. Obwohl es heftig gießt und die Zelte mit mancher Böenwalze kämpfen müssen, haben wir gefühlt noch Glück. Vermutlich streift uns das Wetter nur.
Am Samstag regnet es in der ersten Tageshälfte mehr oder wenig durchgehend. Ich lege meine Hoffnung in einen trockenen Nachmittag und starte gegen Mittag im Regen, da ich einfach etwas die Region erkunden möchte, wo ich schon einmal zugegen bin. Das Glück ist mir hold und am Nachmittag trocknen sogar die Straßen ab. Letztendlich steigt auch noch der ein oder andere in den Sattel.
Dem Tipp eines motorradfahrenden Kollegen (falsch eingebauter V2 und Gürtelantrieb) folgend, richte ich meinen Lenker ab Lauenburg stromaufwärts, parallel zur Elbe.
Alles zu seiner Zeit
Das eigentliche Ziel ist Dömitz. Ich nehme mir dabei die Zeit auch etwas rechts und links des Weges zu schauen.

Unterwegs

Drei Eindrücke prägen sich mir unterwegs besonders ein.
Erstens : Die Landschaft des Elbtales ist wunderschön und vor allem der Straßenabschnitt von Boizenburg nach Dömitz ist ein erstklassiger Kurvenswing.

Elb-Brücke bei Lauenburg
Zweitens : Gerade auf diesem Streckenabschnitt stoße ich auf merkwürdig anmutende „Skulpturen“. Immer wieder drängen sich signalrot lackierte Rollstühle mit Motorradhelmen ins Bild, bevorzugt bei technisch interessant zu fahrenden Kurven. Nein ich habe am Vorabend nichts geraucht. Es ist so wie ich es schreibe !

Ich bin mir bis heute nicht völlig im Klaren, was dahinter steckt. Leider sind mir in den nahegelegenen Dörfern auch keine Menschen auf der Straße begegnet, sonst hätte ich nachgefragt. Sollen es Mahnmale für eine vernünftige Fahrweise sein ? (Aber gerade weniger routinierte Fahrer könnte das gefährlich irritieren und genau den Sekundenbruchteil an Aufmerksamkeit kosten, den die Kurve erfordert.)
Oder sind es vielleicht schlichtweg Motorradhasser ? (Was vielleicht im Ansatz verständlich sein könnte, wenn man sich eine mögliche sommerliche Frequentierung der Strecke vorzustellen versucht.) Wie auch immer, ich persönlich finde es irgendwie geschmacklos. Als Vielfahrer tangiert mich das beim Fahren mental sowieso nicht. Und Menschen gegenüber, die tatsächlich im Rollstuhl sitzen, finde ich es respektlos.
Sehr wohl tangiert mich aber die dritte Beobachtung. Einer alten englischen Regel des Hochseeregattasegelns folgend, sind zur Aufrechterhaltung des Bordfriedens und zur gemeinsamen Zielerreichung die Themen Politik und Frauen tabu. Im Grunde möchte ich es so auch mit meiner Homepage halten. Im Vordergrund sollen wahrlich keine politischen Stellungnahmen stehen, sondern die Themen Motorradfahren und -Reisen, die ich mit anderen Menschen teilen möchte.
Aber wenn ich mit meinem Motorrad durch Dörfer fahre, in denen rechtspopulistische Hetzer mit Plakaten wie den abgebildeten auf Stimmenfang gehen, dann macht mich das ebenso erschrocken wie wütend. Ich habe lange überlegt, ob ich das bringen soll. Das Gesehene nicht zu beschreiben, wäre allerdings ein sehr deutliches politisches Statement, nämlich das des Schweigens. Nein ich bin empört und beziehe Stellung.


Es macht mich betroffen und wütend zugleich, so etwas 2011 in Deutschland vorzufinden. Ich hoffe, dass unsere Demokratie stark bleibt und dagegen halten kann.
Nicht nur, dass die Hetzplakate vor italienischen Pizzerien und thailändischen Restaurants hängen, es verhält sich zudem noch so, dass im Zentrum der durchfahrenen Straßendörfer ausschließlich Wahlkampfanschläge dieser einen Partei hängen. Plakate anderer Parteien sind an den Dorfrand in die Peripherie abgedrängt. Ich finde es ungeheuerlich, so etwas 2011 in Deutschland zu entdecken und bin wirklich empört. Offenbar versagen die demokratisch gesinnten Volksparteien und schaffen es nicht, den Menschen, die diesen Hetzern in die Arme laufen, eine glaubhafte Vertretung von Volkes Interessen anzubieten.
(Nachtrag vom 09.09.2011 : Bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am 28.08.2011 erringt die Partei einen Stimmenanteil von 6,0 %. Dies ist eine Einbuße von 1,3 % gegenüber der letzten Wahl, was ja ein wenig hoffen läßt. Dennoch entspricht dies rund 40.000 Menschen, die ihr Kreuz an die entsprechende Stelle gesetzt haben. Nach 2006 zieht die Partei erneut ins Landesparlament. Auf Kreisebene gibt es keine Fünfprozenthürde und somit sind in allen Kreistagen Parteianhänger vertreten. In sieben Gemeinden holen die Rechtsextremen mehr als 25 Prozent. Nur gut, dass der Trend wenigstens etwas rückläufig ist und die Partei auf Bundesebene keine Rolle spielt.)
Diese dunklen Wolken schweben noch über mir, als eine zaghafte Sonne längst die Straße trocknet. Das überaus nette Panorama Cafe in Dömitz schafft auch keine Versöhnung. Erst die Rückfahrt macht den Kopf wieder freier. Der Abend soll aber nicht belastet sein. Ich werde das später für mich noch einmal aufgreifen.


Es wäre auch schade um den schönen Feierabend, im wahrsten Sinne des Wortes. Höhepunkt ist definitiv der Auftritt von Scott Williams. Der 67 jährige Musiker ist eine bekannte Größe in den Clubs Norddeutschlands. In Woodstock ist er als Gitarrist mit Joe Cocker aufgetreten. Dies inspiriert ihn offensichtlich noch heute und ich habe noch kein besseres Cocker Cover gehört, wirklich stark.

Am zweiten Abend werden die Gespräche auch schon einmal vertrauter. Im Soundschatten der absolut brillianten Musik, werden beim Bierchen schon mal die Köpfe zusammengesteckt und vorsichtig getuschelt, dass wenn man ein wirklich zuverlässiges Motorrad mit Servicenetz in ganz Europa suchen würde (so rein theoretisch), kein Weg an Honda oder Yamaha vorbei führen würde. Pssst…damit es die anderen nicht hören. (Und keine Angst, hier werden keine Namen genannt...grins). Schüchtern berichten gestandende Biker von heimlichen Händlerbesuchen und Probefahrten nicht-italienischer Krafträder. Tse, tse...Sachen gibt es. - Also liebe Guzzi-Ingenieure, gebt Euch Mühe !

Die Party ist jedenfalls voll gut. Das Güster-Treffen kann ich wirklich jedem empfehlen. Die Leute sind entspannt, die Location könnte nicht besser sein und die geografische Lage ist eine ideale Basis für interessante Tagestouren in jede Himmelsrichtung.
Vielen Dank an dieser Stelle an Arno Kuschow und die Platzhirsche !
Ich werde jedenfalls im kommenden Jahr wieder da sein. See you.
www.guester-treffen.de