Moto Guzzi Breva 850

Breva 850 – Retrospektive und Ausblick
08/2012
Beim Italo-Treff
Man ist das retro, bemerkt eine Bekannte aus der Italo-Clique, als sie den sechsstelligen Kilometerstand in dem modernen Cockpit meiner 850er Griso entdeckt. Was ? Griso und Retro ? Wie soll das denn zusammen passen ? Längst auf der Heimfahrt, sinniere ich noch immer darüber.
Die gut gemeinte und dennoch irgendwie beiläufige Bemerkung geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Retro, Retro… Das hört man doch an jeder Ecke. Retro-Stil, Retro-Modelle, Retro-Design. Alles in allem doch nur ein Modetrend. Und als Trendsetter gehe ICH bestimmt nicht durch.
Was soll denn nun daran retro sein ? Davon ausgehend, dass der Ausdruck Retro so etwas wie rückwärts gerichtete Erscheinung oder Orientierung an ältere Traditionen bzw. Merkmale bezeichnet, kann es der Kilometerstand an sich nicht sein. Wenn ich das so richtig mitbekommen habe, zeichneten sich die früheren Motorräder der sechziger bis achtziger Jahre nicht gerade dadurch aus, dass sie mühelos über einhunderttausend Kilometer heruntergespult hätten.
Vielleicht ist es eher die Grundhaltung, die als „retro“ durchgehen könnte. Bei Wind und Wetter (und Regen) ein Motorrad als Alltagsverkehrsmittel einzusetzen, so wie es eben „früher“ alltäglich war, als Autos für die meisten Menschen in unserem Land noch außerhalb der finanziellen Reichweite lagen.
Als retro könnte auch durchaus das Grundkonzept des Motors durchgehen. Ein luftgekühlter V2 Zweiventilmotor mit Aluminium-Stößeln für die Kipphebel ist im Jahre 2012 nicht gerade der letzte Technik-Schrei. Das könnte ebenso ein Erklärungsansatz sein.
Längst zu Hause angelangt und in der Koje liegend, muss ich noch immer innerlich grinsen, dass ich wohl nun doch (wenn auch wider Willen) irgendwie retro bin.
Nie zu spät für eine glückliche Jugend
Dabei verdränge ich mühsam den sich einschleichenden Gedanken, dass dies alles eventuell auch etwas mit dem Älterwerden zu tun haben könnte. Nein so ein Quatsch, das hat es bestimmt nicht…
Ganz im Gegenteil, denn ich bin noch mindestens so gerne unterwegs, um die etwas von der Welt zu entdecken, wie früher. Auch wenn sich der Blickwinkel im Laufe der Jahre sicherlich geändert hat, so habe ich mir wohl dennoch eine gewisse jugendliche Neugier erhalten. Gepaart mit der Erfahrung und Gelassenheit vieler Reisejahre, bereitet es mir noch immer großen Spaß und tiefe Zufriedenheit, neuen Horizonten entgegen zu fahren. Momentan werfe ich dabei ein Auge auf den Horizont, hinter welchem die Sonne morgens aufgeht. Vom heimtlichen Basislager aus gesehen, deutet die Betrachtung in Richtung Osten, nach Osteuropa. Somit sind weitere Reiseberichte sichergestellt..smile.
Tante Grisolde hat nun bereits fast 120.000 km auf der Uhr. Ich traue ihr durchaus noch einmal die gleiche Kilometerleitung zu. Aber es gibt einige zusätzliche Anforderungen, die ich auf dem Weg nach Osteuropa gerne abgedeckt sehen würde. Dabei kommt mir zunächst ein größeres Tankvolumen in den Sinn. Eine etwas weniger sportlichere und eher tourenorientierte Fahrwerksabstimmung wäre für weniger hochwertige Straßenoberflächen ebenso wünschenswert. Die Soziustauglichkeit wäre grundsätzlich auch nicht unbedingt verkehrt. Und zum Schluß steht noch der Wunsch nach etwas mehr Transportkapazität inklusive der Möglichkeit das Gepäck abschließbar viertelwegs zu sichern. (Diesbezüglich tun sich die Griso Cordura Mini-Taschen wirklich schwer...)
Eine entsprechende Transportkapazität lässt sich bei der Griso nur unter völliger Verunstaltung durch Trägerkonstruktionen und Container-Koffer in Überbreitendimension erreichen. Das geht gar nicht !
Die beste und Griso-schonendste Lösung ist ein zweites Moped. Aus Budgetgründen darf es auch gerne ein Gebrauchtes sein. Doch die Idee an sich ist noch lange nicht die Lösung. Vor ersten Ausfahrt mit dem idealen Moped will der lange Weg der Auswahl beschritten werden.
Das Einzige was feststeht ist die Tatsache, dass es selbstverständlich eine Guzzi sein soll. Ergonomisch soll sie also für den Soziusbetrieb geeignet sein und große Koffer, die sich ins Fahrzeugdesign einpassen, sind ein Muss für das Reisegepäck. Damit schränkt sich der Kreis der Kandidaten deutlich ein. Die Großreiseenduro Stelvio trifft nicht den Geschmack.
Die 1200er Norge mit dem "alten" Zweiventilmotor gefällt gar nicht so schlecht. Aber irgendwie bekomme ich das unterschwellige, ungute Gefühl nicht aus dem Kopf, dass ich vielleicht noch nicht alt genug für einen vollverkleideten Tourer bin. Bleibt also noch die Sport. Die Sitzergonomie ist fahraktiv und im Soziusbetrieb sitzt man nicht so voneinander entkoppelt wie bei der aufrechten Position auf der Norge. Das passt also schon einmal. Damit kommt ebenfalls die Breva in Frage, da sie sich per Superbike-Lenkersatz zu einer Sport mutieren läßt.
Was noch offen bleibt ist die Leistungsfrage. Die 1200er 2V und 4V haben natürlich eine Menge Dampf. Dennoch liebe ich einfach den genialen, kleinen 850er Motor, der mir in der Griso bisher völlig ausreichte. Aber was heißt eigentlich „klein“. Die großen Mopeds, die ich in der Jugend bewundert habe, hießen zum Beispiel BMW R100RS. Das Modell wurde zwischen 1976 und 1984 über 33.000 mal gebaut und hatte folgende
Leistungsdaten :
BMW R100RS 980ccm 94x70,6 mm 76 Nm(?) 70 PS
Dazu im direkten Vergleich :
Breva 850 877ccm 92x66 mm 70Nm 74 PS
Wie man sieht, liegt die 850er Breva durchaus auf dem Niveau der Jugendträume und ist so gesehen auch irgendwie retro. In jedem Fall sind die Würfel gefallen ! Leider wurden die 850er nur bis etwa 2008 gefertigt. Mit Recherche, Geduld und dem richtigen Quäntchen Glück findet sich eine schicke silbermetallic farbige Breva mit EZ 09/2010 und mit der äußerst geringen Laufleistung von 5.300 Kilometern
An dieser Stelle vielen Dank an Christopher Pabst von Moto Pabst (KTM), Düsseldorf, für die sehr entgegenkommende und faire Abwicklung.
In einem Breva Prospekt aus dem Jahre 2007 heißt es :
„Wenn Hubraum und Leistung zu untergeordneten Entscheidungskriterien werden, dann ist die Entscheidung gefallen. Der kleine, aber große Unterschied des Breva 850 Motors gegenüber dem 90°-V2 der Breva 1100 ist der um 14 mm verkürzte Kolbenhub. Der 877-ccm-Motor ist absolut laufruhig und beschleunigt agil aus allen Drehzahlbereichen.“
JA – Genau das kann ich nach 116.000 Kilometern mit der 850er Griso, die das gleiche Triebwerk hat, bestätigen. Ansonsten werden wir auf zukünftigen Touren die Reichweite des großzügigen 23 Liter Tanks genießen. Damit bunkert sie mehr Kraftstoff als die meisten (deutlich mehr verbrauchenden) Großenduros in Serienausstattung.


Der hohe (Norge-) Lenker wird eventuell noch gegen den DÄS-Superbike-Lenkersatz ersetzt und dann steht das Traum-Reisemotorrad bereit für die große Tour. (Vielleicht gibt es dann auch noch ein paar Heizgriffe…grins.)
Während der ersten Gepäck-Tour auf der Priwall-Fähre ausgerechnet als „Kleinfahrzeug“ eingestuft zu werden, ist allerdings doch etwas übertrieben.
Griso Zukunft
Um es vorweg zu nehmen - Nein, die Griso ist nicht zu haben. Sie wird keinesfalls verkauft und wird auch weiterhin in Betrieb bleiben. Allerdings wird sie durch die Breva deutlich entlastet werden. Das sichert ihr hoffentlich noch ein langes Leben. Vielleicht ist sie dann in zwanzig Jahren auch retro (vor allem mit dem originalen Endschalldämpfer !). Dann werde ich mit ihr zum Moped-Treff fahren und die Jungen mit Geschichten von „damals“ nerven…
Ein wenig nachdenklich stimmt mich das Ereignis, dass die gute alte Griso just an dem Tag der Überweisung für die Breva streikt, sodass ich sie mit dem gelben Transporter nach Hause bringen musste. Nach 116.133 Kilometern lässt sie mich zum ersten mal im Stich. Vielleicht haben Motorräder doch eine Seele. Aber ich habe sie zärtlich gestreichelt und ihr versichert, dass sie weiterhin on the road bleibt. Die Ursache war übrigens ein aufgelöster Lichtmaschinen-Antriebsriemen. Geplant war der Tausch bei der 120.000er Inspektion. Es scheint aber offensichtlich ratsam zu sein, das Ding alle 50.000 km zu erneuern. Da die Breva über das gleiche Aggregat verfügt, können die wertvollen Erfahrungswerte direkt übernommen werden.
Frischer Wind
Breva ist ein thermischer Wind im nördlichen Teil des Comer Sees, der besonders bei Kite-Surfern und Stehbrettseglern beliebt ist. Im Sommerhalbjahr frischt er nachmittags zuverlässig auf sportliche fünf bis sechs Beaufort auf.
Wenn das keine Inspiration für eine Moto Guzzi Modellbezeichnung ist. Die Breva basiert auf bewährter, drehfreudiger Motoren-Retro-Technik und kombiniert dies mit angenehm frischem Design. Somit erscheint die Namenswahl ebenso wohl überlegt wie zutreffend zu sein.
(Anmerkung : Man gebe sich dem Gedankenspiel hin, BMW würde ein Modell „Alpen-Föhn“ auf den Markt bringen…)
Erste Erfahrungen
Reichliche Erfahrungen im wahrsten Sinne des Wortes mache ich gleich zu Anfang. Nachdem die Breva in den zwei Jahren ihrer Zulassung sagenhafte 5.318 Kilometer zurückgelegt hat, erhöhe ich den Zähler ab der Übernahme in vier Tagen um 25 %, was rund 1.300 weiteren Kilometern entspricht.

Kaum angekommen, geht es bereits weiter
Die Breva geht an einem Donnerstag in meine Hände über. Von Düsseldorf bis nach Hause sind es rund 600 Kilometer. Gleich am folgenden Morgen wird das Wochenend-Camping-Gepäck aufgeladen und morgens erfolgt der Start zur Arbeit. Direkt im Anschluss geht es zum Guzzi-Treffen nach Guester.


Kaffeemühle
Die blaue Lagune und das Guester-Treffen haben unbestritten einen besonderen Charme. Guzzi-Fahrer unterschiedlichster Coleur treffen aufeinander und bereichern sich mit interessanten Geschichten, Erfahrungen von zum Teil sehr bemerkenswerten Trips.

Wilde Gesellen aber keine ungehobelten Typen. Utensilien für die kleine Wäsche stets parat.

Auch so läßt sich der Gepäcktransport bewerkstelligen. (Oder handelt es sich vielleicht doch eher um den Hausstand.)
Für mich geht es bei Guzzi-Treffen nicht nur um Bezingespräche. In jedem Fall bietet es sich immer an, die umliegende Region kennenzulernen. Am Samstag steht daher die Erkundung des Elbtals in Richtung Dömitz an. Ein ehemaliger Grenzkontrollposten steht wie ein Mahnmal auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Auch heute wirkt so ein Posten schauderhaft

Das Studium der Informationstafeln halte ich für unbedingt empfehlenswert.

Die bedrückende Grenz-Geschichte und schicksalshafte Schilderungen von Fluchtversuchen gehen mir lange Zeit nicht aus dem Kopf...

Das nette Ambiente von Dömitz verschafft ein wenig Ablenkung

Auf dem sonntäglichen Rückweg geht es über Schwerin nach Hause. Von der Breva bin ich von Anfang an begeistert. Aber nach 732 Touring-Kilometern weicht der anfängliche Enthusiasmus der tiefen Überzeugung, das ideale Reisemotorrad gefunden zu haben.
Praktischer Weise stehen auch Schauer- und Starkregen-Erfahrungen mit auf dem Programm. Der Geschwindigkeitssensor übersteht die Dusche ungerührt und der Tacho funktioniert ohne Einschränkung.
Das Fahrwerk und die Übersetzung sind deutlich touristischer als bei der Griso, was ja auch Sinn der Sache ist. Die Performance ist sowohl auf der Autobahn als auch im Landstraßenswing voll in Ordnung und der Benzinkonsum pendelt bisher zwischen 4,5 und 5,0 Litern, was angesichts des 23 Liter Tanks zu einer phantastischen Reichweite führt.

Kulturreise - Schloss in Schwerin
Im kommenden Sommer geht es dann mit Schlafsack, Zelt und Kochgeschirr auf große Tour, eben vollkommen retro.
Steckbrief

Windschild / original Guzzi

Sturzbügel / Hepco & Becker

Gepäckbrücke / Hepco & Becker

Koffer 36 Liter / original Guzzi
Die Koffer stammen von der Norge. Sie passen sich elegant in das Gesamtdesign ein und sind dicht an der Fahrzeugmitte konstruiert.

Mit dem passenden Adapter kann der Endschalldämpfer tiefer montiert werden. Ansonsten passt der linke Koffer nicht.
Reifen / Metzeler Roadtec Z6 (gefallen, auch bei Regen, überraschend gut)
Technisches Log
Folgt spätestens mit der nächsten Inspektion