DMB August 2010
Herr Matzen ist ein angenehmer Erzähler und er weiß definitiv wovon er redet. Aus ihm spricht die Erfahrung vieler Kilometer eines fünfundreißigjährigen Motorradfahrerlebens und meine volle Aufmerksamkeit ist ihm gewiss.

Nahezu elektrisiert bin ich, als er berichtet, wie er vor dreißig Jahren von Ducati auf BMW umgestiegen ist (und dennoch immer noch für die Italiener schwärmt). Keine Frage, das wird ein interessanter Tag mit noch nicht absehbaren Folgen. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass Herr Matzen so viele BMW’s um sich stehen hat, dass er sie verkaufen muss.
An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich bei Herrn Matzen von BMW Raudzus in Husum für den geduldigen Umgang mit meinen bohrenden Fragen, das intensive Gespräch, die vielen interessanten Informationen und die großzügig gehandhabte Probefahrtmöglichkeit bedanken. www.raudzus.de

Mit welchem Gefühl fährt man als Guzzi-Fahrer zu einer BMW Probefahrt ? Es fühlt sich komisch an, irgendwie nach Verrat aber auch durchaus nach Amüsement. Wer kennt sie nicht, die vielen BMW Witze ? Wahrscheinlich gibt es so viele Possen wie Nicht-BMW-Fahrer. Zwangsläufig kommt mir auch Martin in den Sinn, der Brite mit dem ich 2008 durch das Guzzi-Museum in Mandello geschlendert bin. Er wollte sich eine Guzzi kaufen, da er sich zu alt für seine Ducati, aber noch zu jung für eine BMW fühlte. Martin war 62….

Und nun stehe ich als Mitvierziger vor einem bayrischen Boxer Bike. Es ist keines von den modern dynamischen Wuthockermodellen, sondern das traditionellste, was das Haus derzeit zu bieten hat, die R 1200 R. Im Prospekt heißt es : „Tradition ist modern. Nur ein Original ist einzigartig. Darum orientiert sich die BMW R 1200 R an sich selbst. Und leistet sich - Wie schon 1923 die BMW R 32 - einen eigenen Stil.“

Werbetexterworte, kommt es mir in den Sinn. Kann sie halten was sonst noch so versprochen wird ? Genau genommen wird gar nicht viel versprochen. Der Hochglanzprospekt beeinhaltet im Wesentlichen sehr gute doppelseitige Fotos mit kurzen lifestyle geprägten Sätzen und eine Doppelseite mit harten Fakten, überschrieben mit „Präzision ist Leidenschaft“. Uups das ist mir neu. Also schauen wir mal.

Auf den ersten Blick fällt mir der große Tank auf. Das mag eine optische Anlegung an den schönen alten Heinrich Tank sein, aber wirklich groß ist er vom Inhalt nicht. Mit 18 Litern schluckt das Fass gerade mal 0,6 Liter mehr als der von meiner flach gestreckten Griso Raubkatze.
Nicht zu leugnen ist bei der R selbstverständlich die Telelever Vorderradaufhängung.

Sie ist eine Weiterentwicklung der 1982 von dem Engländer Norman Hossack patentierten Hossack Gabel. BMW hält die Patentrechte an dem Telelever-System und verwendet sie seit 1993 im Serienbau.
Andreas Prinz schreibt in MOTORRAD NEWS 7/2010 : „Das Teleleversystem bietet gleich mehrere Vorteile : Durch die funktionale Trennung von Federung, Lenkung und Radführung bleibt selbst bei rabiatem Bremsen der Radstand und der Nachlauf über den gesamten Federweg weitgehend erhalten. Das ist ein wesentlicher Beitrag für mehr Fahrstabilität und zu einem leichteren Handling in allen Fahrzuständen.“

Das klingt verdächtig nach „unbedingt ausprobieren“. Anonsten entdecke ich deutlich mehr Kabel, Stecker und Gedöns am und um den Motor als an meiner Guzzi, was mich tendentiell eher beunruhigt.
Überrascht bin ich dagegen ehrlich gesagt von der filigranen Rahmenkonstruktion. Das sieht nach Kilosparen aus. Und tatsächlich, ich nehme die R 1200 in die Hand und glaube es kaum. 198 kg leer bzw 223 kg vollgetankt sind beeindruckend. Meine Griso soll vollgetankt 247 kg wiegen, kommt mir aber im direkten Vergleich schwerer vor. Da müssen die Ingenieure von BMW zusätzlich bei den Wandstärken von Kardan und Motor ordentlich kreativ gewesen sein. Im Verbund mit knapp 1200 ccm, 109 PS und 115 Nm muss man einfach neugierig werden.

Eher BWM untypisch finde ich den Soziusplatz der Sitzbank. Er fügt sich designmäßig super in die Linie des Hecks, aber auf der Griso sieht das Plätzchen bequemer aus. Und dabei habe ich immer schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich jemanden das Sitzbrötchen anbiete. Obwohl sich genau genommen noch niemand richtig beschwert hat. Vielleicht lag das aber auch an der Höflichkeit der Mitfahrer.

Vor der Probefahrt steht jetzt nur noch der Sonderlehrgang bei der NASA, um mit ABS, ESA, ASC und so weiter zurecht zu kommen. Wie bin ich bisher bloß ohne ausgekommen ? Aber dank Herrn Matzen heißt es dann : Keine Hektik mit der Elektrik. Außerdem ist ein Großteil optional. Man muß eine neue R ja nicht damit ausrüsten.
Als Zwischenfazit muss ich sagen, dass mich die R 1200 R (natürlich in der erfrischenden Sommerfarbe schwarz) wirklich anspricht. Klassik und Moderne haben eine ausgewogene Linie gefunden und der Vierventil-Boxer ist selbstredend, darüber braucht man nicht viel schreiben. Dann kommt DER Augenblick . Gentlemen start the engines. Nun was soll ich schreiben ? Der Endtopf ist weniger selbstredend als eher selbstflüsternd. Oh das klingt aber kultiviert, fällt mir im letzten Moment noch eine einigermaßen neutral klingende Formulierung ein. Einem alten Hasen mit Italiener-Erfahrung kann ich natürlich nix vormachen. Mit der sinngemäßen Bemerkung, man muss sie fahren, um sie richtig zu erfahren entläßt mich Herr Matzen zur Probefahrt.

Ja man muss sie fahren. Und natürlich wußte Herr Matzen, im Gegensatz zu mir, worauf ich mich einlasse. Kultiviert trifft in jedem Fall hinsichtlich der Wahrnehmung des Motors zu. Wenn man von einer Maschinenkulisse kommt, deren Lebensäußerungen einen japanischen Nähmaschinenpilot umgehend zwecks Motorrevision in die nächste Werkstatt fahren lassen würde, hat man eben so seine eigene Erwartungshaltung was diesen Teil des Motorradfahrens angeht.
Aber die R ist dennoch nicht langweilig, ganz im Gegenteil. Sie ist überraschend handlich und hat jede Menge Power von ganz unten bis in hohe Drehzahlen. Natürlich ist sie keine deutsche Ducati, aber das will sie auch nicht sein. Diese Telelevergeschichte verblüfft mich in ihrer Wirkung. Tolle Technik, kein Zweifel.

Weil sie in ihrer Gesamtheit so souverän ist, fällt es kaum auf wie flott man unterwegs ist. Erst der Blick auf die Zeiger der Instrumente (finde ich zudem einfach schöner als Digitalanzeigen) bringt mich wieder in die Niederungen der deutschen Straßenverkehrsordnung. Zum Glück kann man in Nordfriesland ja weit schauen und auf vielen Wegen lassen sich einfach keine Radarfallen verstecken.
Die R dreht im letzten Gang bei 100 km/h etwa 3.200 U/min. Da verlangt meine 850er Griso deutlich mehr Drehzahl. Aber dafür komme ich in den Genuss auch den kompletten Drehzahlbereich meiner Guzzi ausfahren zu können…grins.


Wahrhaftig ich bin von der R schwer beeindruckt. Für meine Bedürfnisse kann sie alles bestens. Alltagstauglichkeit (ja ja liebe Kettenfahrer, Kardan ist schon nett), ausreichende Sportlichkeit und sie verlangt förmlich nach Reisekilometern. Das ausgeprägte Händler- / Werkstattnetz läßt einen sicherlich noch beruhigter unterwegs sein.

Wenn man sich ihr von der italienischen Seite nähert, vermisst man den gewohnten Charakter. Irgendwie steht die R im Rampenlicht wie eine perfekte Erscheinung. Präzision ist sicher nicht unbedingt ein italienisches Leidenschaftsattribut. Für die R ist es absolut zutreffend, geht es mir durch den Kopf, als ich zurück in Richtung Husum cruise. Ich muss schmunzeln, als mir der Gedanke kommt, dass sie eben ein hochpräzises Deutsches Maschinenbau Bike (DMB) ist.
Sollte sich die Sache zu einer ernste Angelegenheit entwickeln, wird Herr Matzen allerdings noch mit Herrn Akrapovic sprechen müssen….
Aber mal ehrlich - Design können die Italiener einfach besser...smile.
