
On-One
Pom pino V4
Oktober 2014
Update 04/2016: 5.500 Kilometer Technik Log --> nach unten scrollen
On-One...was ???
Ja, ich weiß. On-One klingt hierzulande ebenso so unbekannt, wie nichtssagend. Aber immerhin erschließt sich dem interessierten Betrachter, dass dieses Label irgend etwas mit dem englischen Yorkshire, der Startregion der diesjährigen Tour de France, zu tun haben muss. Immerhin.
Der Ursprung
Aber ich will gerne von vorne beginnen. Spätestens seit der diesjährigen Radreise von der Ostsee ans Mittelmeer wurde mir klar, welche ideale Eigenschaften Crossräder aufweisen. Sportlich agil, auch für Passabfahrten, und dennoch nicht zu nervös für den Transport von 13,5 Kilogramm Gepäck. Zudem ausgestattet mit ausreichenden Maßen für den Einsatz von 28 mm breiten Reifen, für die Montage von festen Schutzblechen und mit Gewindeösen für eine Gepäckträgerbefestigung ohne Fummelei und Improvisation.
Die Idee
Zum Ende des Sommers wächst die Vorstellung eines Rades mit den oben genannten Eigenschaften PLUS der Möglichkeit es mit einem starren Gang anzutreiben. Eben DAS ideale Wintertrainingsrad. Und es darf zudem gerne Stahl und ein ungebrauchter Rahmen sein. Die Lösung heißt also Cross-Starrgangrad.
Und genau an dieser Stelle fängt das Problem an.
Denn beim Starrgangradeln bevorzuge ich einen 1 1/8" Bahnketteantrieb (Izumi) mit 42 mm Kettenlinie. Das läuft einfach super geschmeidig und vor allem zuverlässig, auch bei sehr hohen Trittfrequenzen.

Während die üblichen kurzen Ausfallenden noch mit einem Kettenspanner kompensiert werden können, verhindert die Hinterbauweise nahezu aller am Markt befindlichen Crossrahmen die Montage eines Bahnkurbelsatzes, ohne dass die Kurbel die Kettenstreben touchieren. Das bedeutet adé 42 mm Kettenlinie und schwerste Improvisation zur Erlangung einer funktionierenden Kettenflucht.
Die Unmöglichkeit
Die Klarheit der Beschreibung der Eigenschaften täuscht eine Einfachheit vor, die nicht existiert. Denn solche Rahmen gibt es in Europa quasi nicht. Die Kombination der Kriterien ist einfach zu exotisch, die Nachfrage dürfte wohl gegen Null tendieren.
Natürlich ist es für einen versierten Rahmenbauer kein Problem so einen Rahmen anzufertigen. Aber einen Rahmen bauen lassen, zum Schietwetterradeln ? Das erscheint mir doch etwas zu dekadent. Mir wird die Unmöglichkeit der Idee bewußt und fast verabschiede ich mich von meinem Winterradideal.
Der Hoffnungsschimmer
Über den Tellerrand hinauszuschauen erschließt bekanntlich neue Horizonte. Hinterm Horizont, genauer gesagt in den USA begegnet mir online ein Rahmen von der Stange, der immerhin einige der obigen Kriterien erfüllt. Ich werde fast schwach, gerate aber dennoch ins Schwanken. Das Rahmenset verfügt über eine gerade, also ungebogene, Gabel. So etwas lehne ich eigentlich aus ästhetischen Gründe ab. So auch in diesem Fall. Außerdem erscheint mir das Modell (für eine Kompromislösung) zu teuer.
Die Zielgerade
Als erprobter Langstreckenfahrer gebe ich natürlich nicht so schnell auf. Nach wirklich mühevoller Recherche stoße ich auf ein Rahmenset, welches tatsächlich ALLE Kriterien vereint. On-One Pom pino. Obwohl es DIE Antwort auf meine Frage ist, ruft es dennoch zunächst zahlreiche weitere Fragezeichen hervor. On-One...was ???

Hoch funktionale Details, sehr gut verabeitet

Kabelhalter für Cantileverbremsse Gewinde im Gabelkopf
(anstatt durchgesteckte Schraube)
Erst nach weiterer World-Wide-Web-Wühlerei wird mir klar, welch einen Schatz ich gehoben habe. Es handelt sich quasi um das Schweizer Winter-Taschenmesser der englischen Radsportler. Im LFGSS existiert sogar eine rege Pom pino Eigner Gruppe, die hochgradig von ihren Rädern schwärmt. Der Rahmen hat fast Tradition und wird aktuell in der vierten Auflage (V4) produziert.

Die richtigen Ausfallenden am 120 mm Hinterbau
LFGSS steht für 'London Fixed Gear and Single-Speed'. Es handelt sich, nett gesagt, um ein englisches Spezialistenforum für Starrgang- und Single-Speed-Enthusiasten. Man könnte auch behaupten dort träfen sich verrückte Radler und durchgeknallte Fahrradkuriere. Nebenbei bemerkt gilt das LFGSS als Begründer des gegenwärtigen TWEED RUN Trends. Tatsächlich organisiserten die LFGSS Leute 2009 in London den ersten neuzeitlichen TWEED RUN mit 500 Teilehmern (!) und legten damit die Keimzelle für eine fast globale Bewegung.
Könnte es also eine bessere Informationsquelle geben ? - Nein, natürlich nicht !

'rigourously tested by angry laboratroy robots'
'Getestet von bösartigen Laborrobotern'
Dann kann ja nun wirklich nichts mehr schiefgehen...smile.
Deal done
Das Einzige was mich noch skeptisch macht, ist der unglaublich günstige Preis. Eigentlich verrückt. Die Selbstdarstellung der Firma On-One aus Yorkshire klingt dagegen ausgesprochen vernünftig. Die Marke wird von echten Radenthusiasten geführt und blickt auf eine 25jährige Geschichte zurück. On-One gehört zu den Machern von Planet X, von wo aus es Wurzeln zu dem legendären britischen Radhersteller und Profirennstall Holdsworth gibt, dessen Co-Sponsor Campagnolo hieß.
Es wird betont, nicht mit Nonsens-Preise zu handeln. Die geringen Preise erklären sich aus mit einem außerordentlichen schlanken und straffen Geschäftsmodell. Zu Beispiel : Direktbezug, keine Zwischenhändler, keine großen Marketing- / Sponsorbudgets, keine kostenintensiven Mieten usw.
Nach eigener Einschätzung von On-One sind die Preise anderer Marktteilnehmer für Produkte vergleichbarer Qualität doppelt so hoch. Eine vollmundige Aussage, die ich allerdings mittlerweile nach intensiver Prüfung des Rahmens voll bestätigen kann.
Zum Entscheidungszeitpunkt wird der Rahmen in zwei Varianten angeboten. In einem ganz tollen (nach britischem Farbempfinden) Blau und in 'Rohmetall'. Ganz so roh ist es natürlich nicht, da es mit einem matten Klarlack versiegelt ist. Sehr cool (mein Empfinden).

Ein Klick, deal done. Ein Rahmen geht an mich...smile. Zu ähnlich günstigen Konditionen kommen noch einige Komponenten dazu. Lenker, Vorbau, Sattelstütze aus 7050er Alu. Sehr gut gemacht, sehr leicht und sehr günstig.
Und was bedeutet nun Pom pino ?
Tja nun. Was soll ich schreiben, ohne Gefahr zu laufen, auf einen Jugendschutz-Index gesetzt zu werden. Ich will es mal so ausdrücken, obwohl es italienisch ist, könnten es Bill Clinton und seine ehemalige Sekretärin besser erklären.

Warum man ein Rahmenmodell so nennt ? - Ich habe keine Ahnung! Immerhin sind schnell und schmutzig keine verkehrten Attribute in Verbindung mit einem guten Cross-Rad. Und es ist italienisch, was im Zusammenhang mit Zweirädern schon vom Grundsatz her nicht verkehrt sein kann.

Ausgestattet mit bei mir sehr bewährten Komponenten (z.B. Miché Primato Pista Kurbelsatz und Naben, Mavic Open Pro Felgen) sind mittlerweile die ersten Kilometer absolviert. Und ich bin schwerstens begeistert. So frech wie das Rad heißt, fährt es auch. Sehr leicht (trotz der schweren Schwalbe Marathon Reifen) und äußerst agil, eben eine sportliche italienische Geometrie.

Schwalbe Marathon 28 mm
rollt mit 7 bar erstaunlich gut
extrem Pannenfest (nie wieder flicken bei -2°C....smile)
Negativanteil im Profil erlaubt Ausflüge jenseits des Asphalts
Besonderer Gimmick - Miché Primato Pista Nabe mit doppeltem Starr-Ritzel-Gewinde. Je nach Trainigsabsicht und herrschender Windstärke, kann durch einfaches Drehen beim Einbau des Hinterrades die Übersetzung gewählt werden.

Eignet sich im Frühjahr auch zum 'Ärgern' von Schaltungsfahren....grinsegrins.
Im Vergleich ist das blaue Gazelle Rad der reinste Geradeausläufer. Also alles richtig gemacht. Die blaue Gazelle wird zum eleganten Alltagsrad und das Pom pino Rad ist von nun an das freche Wintertrainingsgerät, welches auch bei Schietwetter ein Lächeln zaubert.

On-One Pom pino

Für Interessierte
www.lfgss.com
www.on-one.co.uk
Wintersportgerät




Update 04/2016
5.500 Kilometer Technik Log
Das On-One Pom pino hat das schwere Los eines Winter- und Schlechtwetterrades zu (er-)tragen. Wenn das Pom pino rollt, regnet oder schneit es in der Regel. Die Straßen sind mit Sand und Splitt gespickt. Und nicht selten befindet sich Streusalz auf dem Asphalt. Die Kette bekommt dennoch die bestmöglich Pflege.
Das Rad selbst gefällt durch eine sportive Geometrie und es bereitet in jedem Gelände außerordentlichen Fahrspaß.
Grund genug, nach einer eineinhalb jährigen Einsatzzeit und rund 5.500 absolvierten Schlechtwetter Kilometern eine erste Bilanz zu ziehen.
Die oben vorgestellten Schwalbe Marathon Reifen wurden gleich zu Anfang gegen weitaus sportlichere Continental Super Sport Plus 28 mm getauscht. Das 'Plus' steht dabei für einen Pannenschutz, der fast dem des Marathon entspricht. Nach etwas über 5.000 km wurde der Hinterreifen erneuert. Der Protektor wies durchaus noch ausreichend Materialstärke auf, aber scharfe Splittsteinchen hatten mittlerweile den Pneu ordentlich malträtiert. Daher wurde dieser vorausschauend erneuert. Es ist kein Spaß bei minus zwei Grad und scharfem Ostwind im Dunkeln einen Reifen zu flicken...

DEDA Lenkerband. Nach nur eineinhalb Jahren völlig abgegrabbelt. Das geht besser. Da es farblich so gut zum Sattel passte, hatte ich beim Aufbau des Rades gleich zwei Sätze bestellt. Somit kommt nun noch einmal DEDA zum Einsatz. Als nächstes wird es dann ein anderes Produkt geben.

Ausfallenden mit oberflächlichem Rost. Das geht angesichts der Einsatzbedingungen in Ordnung und stellt kein strukturelles Problem dar. Irgendwann wird schwarz überlackiert.

Phil Wood Edelstahlritzel (links). Sieht gut aus. Ist sündhaft teuer und hält auch nicht länger als ein halb so teures CroMo-Ritzel.
Kappstein (rechts). Sieht noch besser aus. Ist noch teurer und wird auch nicht länger als Phil Wood halten.

Kappstein versus Phil Wood

Kettenlängung. Nach 5.500 km ist die vernickelte Izumi Eco Kette völlig durch mit der Schicht. Ehrlich gesagt hätte ich da etwas mehr Lebensdauer erwartet.

Miche Kettenrad mit Haifischflossen-Muster. Das muss natürlich neu.

KMC Z1X inox. Versuch mit neuer Ketter. (Der Kettenschlossmechanismus (nicht auf dem Foto) sorgt allerdings für leichte Bedenken. Mal schauen was die Laufleistung hergibt.
Die Laufräder bestehen aus Miche Primato Pista Naben, Mavic Open Pro Felgen (36 Loch) und 2,0/1,8/2,0 mm Sapim-Speichen. Nach rund 5.500 Kilometer werden sie erstmals nachzentriert.