
Stilfser Joch
"Sie haben ihr Ziel erreicht..."
...nach einer Strecke von rund 25 Kilometern und 1.842 Höhenmetern. Dies sind die Eckdaten der Route von Prad (915 m) auf den Passo dello Stelvio (2.757 m (amtlicher Höhe)).

"Die Königin der Alpenpässe" ist die höchste Passstrasse Italiens und nach dem Col d'Iseran die Zweithöchste der Alpen. Mit ihren 48 Kehren ist diese Auffahrt ein prestigeträchtiger Klassiker für Kletterer auf Rädern. Im Süden bildet das Ortler-Massiv mit dem 3.905 Meter hohen Ortler und anderen dauerhaft schneebedeckten Gipfeln ein grandioses, hochalpines Panorama.

Die Nordostroute wird allgemein als die klassische Auffahrt zum Stilfser Joch bezeichnet. Der Start liegt im Etschtal in Prad (915 m). Die ersten sechs Kilometer bis Gomagio (1.267 m) eignen sich bestens zum Warmfahren.

Ab Gomagio werden die 48 Haarnadelkurven bis zur Passhöhe rückwärts gezählt und zum Teil mit Höhenangaben ausgeschildert. Auf den etwa fünf Kilometern bis Trafoi (1.532 m) hält sich das Kurvengeschlängel in Grenzen. Der Ortsausgang stellt den Eingang in die Faszination Stilfser Joch dar.

Unwiderstehlich windet sich die Passstrasse gen Himmel. Der Ausblick wird zunehmend grandioser und überbietet sich von Kurve zu Kurve. Ab Serpentine 22 bei der Franzenshöhe auf 2.189 Metern Höhe, tritt der sechs Kilometer lange Schlussanstieg in die Szene. Die Straßenbaukunst an der scheinbar senkrechten Felswand ist atemberaubend.

Vor allem über diese Wand ist einiges Furchterregendes zu lesen. Natürlich braucht es ordentlich Körner um einigermaßen geschmeidig das Stilfser Joch zu erklimmen. Aber gerade die Passagen mit den zahlreichen Haarnadelkurven bieten letztendlich die Möglichkeit einer strukturierten Auffahrt. Den Außenradius der Serpentinenteller schön großzügig fahrend, ist gleichbedeutend mit einer kleiner kräfteschonenden Erholung.

Sofern die Sicht einwandfrei ist, kommt allmählich die Tibethütte sowie die Passhöhe in Sicht. Und das ist eine Portion Extra-Motivation....

...auch für den Talisman-Schlumpf. Wahrscheinlich einer der weitgereistesten Schlümpfe überhaupt.

La Gazetta dello Sport startete 1953 den 36. Giro d'Italia.
Die Hauptschwierigkeiten dieses Giros lagen in den Dolomiten Etappen im letzten Teil der Rundfahrt. Als Novum hatte man das 2.757 Meter hohe Stilfser Joch als "Dach des Giros" in die Streckenführung aufgenommen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Giros wurde das ganze Spektakel in eienr Direktübertragung im Fernsehen gesendet.
Auf der 17. Etappe, dem Vortag der großen Dolomitenschlacht, konnte der großartige Hugo Koblet seinen Vorsprung gegenüber Fasuto Coppi auf 1:59 vergrößern. In der folgenden Nacht fegte ein Schneesturm über die Dolomiten hinweg.
Um die Straßen für die 18. Etappe befahrbar zu machen, mussten zum Teil Schneepflüge eingesetzt werden. Das große Duell ließ nicht lange auf sich warten und trieb die Champions über vier Dolomitenpässe. Koblet stürzte sich mit einem Wahnsinnstempo den Falzarego hinab. Coppi fiel zurück... Im Anstieg zum letzten Pass, dem Sella, setzte Coppi zu einer unwiderstehlichen Attacke an. (Dort erinnert heute eine Marmortafel an den Campionissimo.) Drei Kilometer unterhalb des Scheitels überholte er Koblet und nahm ihm bis zur Passhöhe eine Minute ab. Coppi konnte zwar die Etappe für sich entscheiden, Koblet blieb jedoch Führender in der Gesamtwertung. Zwei Fahrtage lagen nun noch vor den Fahrern.
"Die 19. Etappe führte über das für die wenigsten Fahrer bekannte Stilfser Joch. Noch nie hatte die Rundfahrtkolonne auf italienischem Boden eine solche Höhe erreicht. Schneestürme hatten die Passstrasse in tiefen Winter gehüllt und Schneepflüge und Räumkommandos mussten einen schmalen, oft nur 3 Meter breiten Korridor schaffen... Der blinde "Magier" Cavanna hatte mit seinen Händen Faustos Muskeln wieder geschmeidig gemacht und mit seinen Worten neue Hoffnung in Coppi geweckt...
Pinella De Grandi, Coppis Mechaniker, hatte sich die Nacht um die Ohren geschlagen und in der Garage des Hotels, das die Bianchi-Mannschaft belegt hatte, die Räder seiner Squadra präpariert. Besonders das von Fausto. Eine lange Diskussion mit dem Campionissimo führte zu folgendem Ergebnis : Laufräder mit 40 Speichen, 350 Gramm schwere Reifen, eine Übersetzung von 51-45 x 14-16-19-22-23.
Die ersten elf Kilometer des Anstiegs diktierte der brave Andrea Carrea. Dann löste Coppi seinen Domestiken ab und übernahm selbst die Spitze. Die große Attacke begann...Doch fast unmerklich begann sich der Campionissimo von seinen Gegnern zu lösen. Koblet gab sein Bestes, doch das reichte nicht. Er hatte die Tage zuvor seine Kräfte zu sehr strapaziert, nun steckte er in einer Krise. Coppi blickte sich um, sah es und legte sofort einen Zahn zu. Das "Aus" für Hugo ?
Noch nicht. Noch konnte mit Carrea, Fornara, Colettto, Ruiz und dem unverwüstlichen Bartali das Hinterrad von Coppi halten. Der fuhr zügig, immer im gleichen Rhythmus, bergauf.... Neun Kilometer vor der Passhöhe griff Defilippis erneut an, aber wieder reagierte Coppi entschlossen. Mit dem Erfolg, dass seine Begleiter abbröckelten und zurückfielen... Auf der Passhöhe war alles klar. Coppi passierte sie als Erster. 2:17 Minuten später traf Fornara ein, an seinem Hinterrad der große alte Mann : Gino Bartali ! Der Beifall für Ginettacio war zumindestens ebenso groß wie der für Coppi. Koblet kam erst nach 4:27 über den Pass. Coppi zog als Triumphator am Ziel in der Strada nazionale in Bormio ein."
Fausto Coppi, Walter Lemke - (Anmkg.: Wohl die beste und umfassendste Coppi Biographie)
Koblet kam mit einem Rückstand von 3:28 Minuten und Tränen in den Augen ins Ziel. Fausto Coppi starte die letzte Etappe mit einem Vorsprung von 1:29 Minuten und brachte diese nach Mailand ins Ziel.

Schlussklassement des 36. Giro d'Italia (12. Mai bis 02. Juni 1953)
1. Fausto Coppi 4.035 km in 118:37:26 std (34,13 km/h)
2. Hugo Koblet 1:29 Minuten zurück
4. Gino Bartali 14:08 Minuten zurück
"Für Fausto Coppi bedeutete dieser fünfte Girosieg viel. Als 20-jähriger hatte er 1940 seine erste Italienrundfahrt gewonnen. Dann folgten bekanntlich die Siege 1947, 1949 und 1952. Nun kam 13 Jahre nach seinem ersten triumph der fünfte erfolg. Damit stellte er den Rekord von Alfredo Binda ...ein."
Fausto Coppi, Walter Lemke
Wissenswertes
Straßenkarte - Vinschgau 1 : 50.000, Kümmerly + Frey, plastifiziert (dauerhafter Schutz gegen Regen und / oder Schweiß)
Hochgebirge - Kleidung und Ausrüstung sollten unbedingt den herrschenden Witterungsbedingungen angepasst werden. Vorab einen Wetterbericht zu hören ist keinesfalls schädlich.
Übersetzung - Wie man ritzelt, ist von der persönlichen Präferenz und natürlich vom individuellen Trainingsstand abhängig. Mir bot die neumodische, sogenannte Kompaktübersetzung 50/34 x 27/11 ein völlig ausreichendes Spektrum. Angesichts einiger 15% Steigungen sind 27 oder 28 Zähne für das größte Ritzel unter Umständen für den ein oder anderen nicht gerade unangenehm.
Zur Erinnerung : Coppis Bergübersetzung 45 x 23. Ich habe keine Ahnung wie man damit das Stilfser Joch hoch kommt...smile.
Wochentags - Wer das Wochenende meidet, dürfte wohl weitaus weniger (v.a.) motorisierte Verkehrsteilnehmer antreffen.
www.quaeldich.de - sehr gute Datensammlung (inkl. Profile) über vielerlei Passstraßen
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